Die Geschichte der Familie STAHF bis zum Jahr 2016

Jurgen Stahf

 

Die Geschichte der Familie STAHF bis zum Jahr 2016

 

Die Geschichte der Familie Stahf (Staf, Sthaf, Stahff, Staaf, Staff) genealogisch zu tabellieren ist schwierig, weil sich die urkundlichen Angaben und Aufzeichnungen teilweise widersprechen und daher kaum eine eindeutige Struktur aus den Jahren vor und nach der Auswanderung an die Wolga zulassen. Die vorliegende Arbeit beinhaltet ausschließlich die Geschichte der Auswanderung. Die vorlaufende Historie der Familie kann nur durch die in den Kirchenbüchern noch aufzufindenden. Die wesentlichen Daten sind nun aber dank der hervorragenden Recherchen des Georg Rauschenbach aus Moskau zugänglich und nachfolgend aufgeführt.

 

Nach einem Eintrag in den Kirchenbüchern vom 21.01.1762 haben Johann Peter Stahf und Maria Eva, die Tochter des Johann Caspar Schmidt an diesem Tag in Wallroth geheiratet. Am 13.03.1765 ist laut diesem Kirchenbuch auf dem Rückweg von einem Freundesbesuch in Niederzell ihr Sohn Nikolaus zur Welt gekommen. Ich berufe mich bei dieser Dokumentation auf die mir 2013 bekanntgewordenen Register

So geht aus einem der Originaldokumente hervor, dass sich Hann (Johann) Peter Stahf (genau: Staaf, oder Sthaf), geb. 06.12.1739, mit seiner Frau Maria Schmidt oder Schmittin, geb. 26.09.1736 und Sohn Nicolai im Mai des Jahres 1766 einem Auswanderertross angeschlossen hat und über Roslau, einer Kleinstadt bei Dessau, wo sich die Auswanderertrecks offensichtlich gesammelt haben, zunächst per Schiff die Elbe abwärts bis Lauenburg reiste und von da zu Fuß oder per Fuhrwerk nach Lübeck. Dort wurden sie auf die englische Bark „George“ unter Kapitän Adam Bairnsfair zusammen mit über 1100 Kolonisten am 1. Juni eingeschifft, sind am 2. Juni von Reede abgesegelt und in Kronstadt am 9. Juni 1766 (hier und unten alle Datum sind nach altem julianischen Kalender angegeben) angekommen [1, S. 30, 160].

Unterwegs wurden sie proviantiert mit einer Portion Brot und Zwieback täglich sowie alle drei Tage mit einem Quart Franzbranntwein und einer Portion Speck. Am folgenden Tag, dem 10. Juni wurden sie ausgeschifft. Von dort ging es weiter nach Oranienbaum bei St. Petersburg, wo sie Geld und Kleidung bekamen und laut einer Unterschrift von Hann Peter am 29. Juni vereidigt wurden.

Von dort zogen sie Mitte Juli nach St Petersburg, Schlüsselburg, Novgorod, Twer, Kostroma und in langen Trecks, wie durch den Zeitzeugen Stahlbaum beschrieben [1, S. 145-151], weiter in die Wolgagebiete unter dem Kommando von Leutnant David von Oldenburg. Endlich kamen sie Anfang Juni 1767 in Prokowskaja Sloboda gegenüber von Saratow. Einer Revisionsliste zu folge ist die Familie Stahf am 7. Juli 1767 in dem Ort Boregard (Beauregard) angesiedelt worden [2, S. 192].

Johann Peter betrieb dort nach vorliegenden Aufzeichnungen zunächst eine Landwirtschaft, die ihnen zugewiesen wurde. Die Reisezeit der Kolonisten dauerte von Mai 1766 etwa bis Mitte 1767. Auf dieser sehr beschwerlichen Reise starben viele Kolonisten bereits bevor sie ihr Ziel erreichen konnten.

 

Aber wo liegen die Ursprünge der Familie ?

Die Familie Stahf (heutige Schreibweise) lebte laut Kirchenbucheintragung, die seit 1613 vorliegen, in der Region um den Vogelsberg im Einzugsbereich der Stadt Schlüchtern in Hessen. Sie waren ausnahmslos Bauern und hatten nicht zuletzt infolge des Siebenjährigen Krieges unter bitterer Armut zu leiden, zumal sie zu unverhältnismäßig hohen Abgaben, z.B. den sogenannten Zehnten an die weltliche und kirchliche Obrigkeit genötigt wurden und die Böden zum Überleben zumeist nicht fruchtbar genug waren.

Die Verarmung der Bauern in dieser Zeit mag auch dem Klimawandel geschuldet sein, durch die Erdabkühlung und den damit verbundenen Ernteeinbußen in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

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Alter Stahfehof in Wallroth. Bei einem Familientreff 1958 in Wallroth Edgar, Roland und Helmut Stahf zusammen mit den Nachfahren auf dem Staafehof der Familie Fehl und der kleinen Tochter Ilse, die später Hans Rüffer geheiratet und den Hof geerbt hat.

Einer Erzählung der Nachfahren in Wallroth zufolge ließ Johann Peter seinen Pflug auf einem steinigen Acker stehen als er einen Auswanderertross vorbeiziehen sah, holte seine Frau und sein Söhnchen Nikolaus, packte ein paar Habseligkeiten und schloss sich dem Tross an.

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Ururenkel Torsten blickt auf den Acker bei Wallroth, von dem Hanpeter den Zug der Auswanderer beobachtet haben soll.

Von Boregard aus siedelte sich die Familie Stahf 1799 in Katharinenstadt an.

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Denkmal der Kaiserin  Katharina der Großen in Katharinenstadt

 

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Häuser in Katharinenstadt  aus der Kolonistenzeit

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Die Informationen über die genaueren Daten und Umstände der Auswanderung verdanken wir Georg Rauschenbach, dessen Familie mit der Familie Stahf verwandt ist. Die Rauschenbachs haben eine sehr enge Beziehung zu den Stahfs in der Wolgakolonie unterhalten. Nach der Bolschewisierung Russlands wurden alle privaten Auslandskontakte unterbunden. Erst nach der Auflösung des Sowjetregimes, also in den Jahren nach der Jahrhundertwende gelang es dem Nachfahren Georg wieder einen Kontakt zu seinen deutschen Verwandten, den Stahfs über die digitalen Medien herzustellen. Georg ist sehr an der Familiengeschichte interessiert, hat überaus interessante Recherchen angestellt und somit ein profundes Wissen über seine Familie und somit auch über die Familie Stahf aus der Auswanrderer- und Kolonistenperiode gesammelt. Unlängst haben wir noch einige Stahfs in Moskau entdeckt.

Ich selbst habe, bis dato noch ohne diese detaillierten Kenntnisse, also bevor es einen Kontakt zu Georg gab, im Jahre 2001 eine Reise in das ehemalige Gebiet der Wolgakolonie unternommen und zusammen mit den Reisebetreuern von Saratow aus alle Orte besucht die mir von den Erzählungen meines Vaters und den Aufzeichnungen meiner Großelter her bekannt waren. Natürlich war ich mit der Fotokamera unterwegs und habe sehr viel Überraschendes vorgefunden, so u.a. auch eine hervorragende Dokumentation der Tabakfabrik, oder alte Kirchenbucheintragungen meines Großvaters. Die Betreuung der russischen Reisebegleiter in Saratow war dabei sehr hilfreich ich habe diese Reise in einem Bericht für sich dokumentiert. Erstaunlich viel Wissen darüber fließt heute in die öffentliche Medien und Museen in den Städten an der Wolga ein.

So ist es mir heute möglich die Geschichte der Stahfs zu aktualisieren und in großen Zügen zu erweitern.

Während sich Johann Peter zunächst noch recht mühsam als Bauer aber auch als Gehilfe der Einwanderer Kommission durchschlagen musste, konnte sein Sohn Nikolai mithilfe seiner sehr tüchtigen Mutter und seiner Ehefrau Anna Elisabeth, geb. Liehr, aus Beckersdorf nach dem Tode des Hanpeter an der Wolga bereits einen kaufmännischen Betrieb aufbauen, wobei ihn auch seine Mutter tatkräftig unterstützt haben soll. Dazu an dieser Stelle die Originalerzählung der Urgroßmutter „Malche“, der Amalie, also der Ehefrau vom Hanpeter, die in der Folge von den Nachfahren jeweils etwas legendenhafter aufbereitet wurde. Sie erzählte auf ihre Weise das Geschehen der Einwanderung nach Russland und die ersten Erfahrungen der kleinen Stahf-Familie. Diese phantasievoll ausgeschmückte Erzählung habe ich zum besseren Verständnis stilistisch etwas korrigiert.

“Es war kein ruhiger Zug, es wurde gestohlen und geraubt und betrogen, unterwegs und der Johann Peter hat überall seine Augen gehabt und aufgepasst das die Leute sich ruhig verhielten. Da hat man ihn dann zum Karawanenführer gemacht, und er hielt die Leute in Zucht und Ordnung an. Da gab es viele Abenteurer, die nur etwas erleben aber keine  ernsthafte Arbeit leisten wollten. Da griff Hanpeter, so wurde der Name eingekürzt, hart durch und sein Zug kam bald in Ordnung. Das merkte auch der oberste Leiter der Karawanen, der Baron Cuno de Beauregard, und er sah sich den Hanpeter genauer an. Da sagte er sich: das ist ein ordentlicher Mensch, der kann dir viel helfen bei dem losen Haufen, den du hier hast, und mit dem du nach Russland ziehst und er machte Hanpeter zu seinem Gehilfen. So kam es, das Hanpeter über viele Menschen zu bestimmen hatte.

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Originalunterschrift von Hanpeter Stahf, 1766

Dann kamen sie alle in eine große Stadt am Meer(Lübeck). Dort mußten sie in Scheunen am Hafen viele Tage rasten bis das Schiff kam um sie nach Russland zu fahren. Sie fuhren dann von Lübeck aus über die Ostsee, wobei viele Leute seekrank wurden. Manche stürzten sich sogar ins Meer, auch aus Verzweiflung. Der Hanpeter hatte viel zu tun und musste oft hart durchgreifen um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Nach tagelanger Fahrt kamen sie in St. Petersburg an, der Hauptstadt des Zarenreiches. Dort wurden sie der Kaiserin Katharina vorgestellt. Die empfing sie huldreich und sagt ihnen, sie hätte den Befehl gegeben, dass ihnen überall geholfen würde, und dass ihnen richtige Bauernhöfe gebaut werden mit allem was dazu gehören würde. Da freuten sich die deutschen Bauern, denn nun wussten sie ja aus dem Munde der schönen Kaiserin, dass man ihnen die Wahrheit erzählt hatte. Die Kaiserin gab ihnen russische Führer mit, die sie auf dem Weg zur Wolga begleiten sollten. Es war ein sehr langer und beschwerlicher Weg und viele verloren den Mut. Schlimm war es als die Bauern merkten, dass die Beamten, die sie versorgen sollten, das meiste Geld, dass sie von der russischen Regierung dafür bekommen hatten, vielfach in die eigene Tasche steckten, sodass viele der ziehenden Leute im Treck verhungerten. Es gab nicht überall so tüchtige Führer wie den Hanpeter. Der hatte viel zu tun sich mit den russischen Beamten auseinanderzusetzen und dafür zu sorgen, dass wenigstens die größte Not beseitigt würde. Aber als die Deutschen dann in ihre jetzige Heimat kamen, sahen erst richtig wie man sie betrogen hatte. (Hierzu sollte erwähnt sein, dass viele Berichte aus der Auswandererzeit eher einer Legende entsprechen als den Tatsachen, die russischen Behörden und Beamten haben sich den vorliegenden Erkenntnissen zu Folge sehr darum bemüht den Einwanderermassen gerecht zu werden und die Kaiserlichen Anordnungen korrekt auszuführen. Aber die sehr plötzlich hereinflutenden Massen haben ebenso wie unerwartete Klimaereignisse die Organisation der Betreuung nicht immer reibungslos ablaufen lassen – J.S.). Von den Bauernhöfen war keine Spur zu sehen. Viele mußten im  ersten Winter  in Erdlöchern leben, dabei waren die Winter dort in der Steppe so kalt, wie man es in Deutschland nicht kannte. Der Schneesturm blies erbarmungslos über das flache Land hinweg und vergrub oft die Erdlöcher in denen die Bauern und ihre Familien hausten. Dann mussten sie sich immer freischaufeln. Und der Sommer war so heiß wie sie es nie in ihrer Deutschen Heimat gekannt hatten. Da brannte ihnen die Sonne auf den Kopf und es gab kein Baum und kein Strauch. Wenn der Winter viele erfrieren ließ, so starben sie im Sommer an Hitzschlag und allen möglichen Seuchen. Es war also kein Wunder wenn die Leute unzufrieden wurden und sagten „verkomme un sterwe kenne mer aach in Deutschland, da brauche mer nit nach Russland zu ziehe. Mer gehe weder ham.“ Und tatsächlich machte sich ein großer Haufen auf und versuchte wieder in die Heimat zu entkommen. Aber das war natürlich nicht im Sinne der Russen, die taten alles um die Wolgasiedler daran zu hindern wieder zurückzuwandern. Sie wollten auch vermeiden, dass in Deutschland bekannt werden würde, dass sie die eingewanderten Bauern so betrogen hatten. Viele sind beim Versuch in ihre alte Heimat zurückzukehren umgekommen, nur wenige kamen wieder zurück. Ihre Erzählungen zu Hause klangen so unglaublich, dass kaum einer es für wahr nahm. Einige, darunter auch der Vetter von Hanpeter, Heinrich Staaf aus Belling hatten sich zusammengetan und sich einen Russen als Führer genommen der ihnen für viel Geld versprach sie sicher nach Deutschland zu geleiten. Der Mann war aber ein Betrüger. Er sammelte alle Rückreisewilligen auf einer Wolgainsel. Als alle dort zusammenkamen, holte er seine Kumpanen, nahm ihnen die Boote weg, um deren Flucht zu verhindern. Dann in der Nacht kamen Verbrecher aus allen möglichen Orten in der Nähe und ermordeten alle Deutschen. Sie nahmen ihnen die Sachen ab und verschwanden. Das Raubgut wurde auf den Märkten in der Umgebung verkauft, so wurde bekannt, was auf der Insel geschah.

Bei dieser Aktion ist auch Heinrich Staaf aus Belling ums Leben gekommen, der Vetter von Hanpeter. (Die Insel liegt nicht weit von Katharinenstadt entfernt und heisst noch heute, auch bei den jetzt dort lebenden Russen „ Mordinsel“ – J.S.).

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Mordinsel

Allmählich begannen die Leute richtige Häuser zu bauen und Dörfer zu errichten. Es wurden viele Bauernhöfe angelegt und auch Hanpeter bekam einen zugeteilt. Das war im Dorf Borgart, es wurde nach dem Siedlungskommissar Cuno de Beauregard benannt und liegt nicht weit von Katharinenstadt entfernt. Hanpeter musste überall im Siedlungsgebiet herumreisen und dafür Sorge tragen, dass alles mit rechten Dingen zuging. Endlich begann man mit einer ordentlichen Landwirtschaft, die Felder wurden bestellt. Viele der Auswanderer aus Deutschland aber wollten nicht arbeiten, sie hatten sich dem Treck als Abenteurer angeschlossen. Nur die Bauern und Handwerker kamen nach der langen Entbehrungen allmählich zu einem erkläglichen Wohlstand. Zu allem Übel kamen dann die Kirgisen aus den Steppen vor dem Ural und überfielen die Dörfer der Siedler. Sie nahmen alles was sie kriegen konnten, vor allem die Pferde, Frauen und Jungen die sie zu Sklaven machten. Die Kolonisten waren auf diese Angriffe völlig unvorbereitet. Erst mit der Zeit fanden sie Möglichkeiten sich gegen diese Räuberbanden zu wehren. Sie umgaben die Dörfer mit hohen Wällen und Palisaden. Schliesslich konnten sie sich auch bewaffnen, sodass sie  bei einem der nächsten Überfälle zurückschlugen, die Räuberbanden vertrieben und sie verfolgten um das Raubgut zurückzuholen.

Als dann wieder Ruhe einkehrte in der Kolonie, wurde Hanpeter sehr krank und konnte seinen Hof nicht mehr bewirtschaften. Er hatte jetzt nur seinen Sohn Nikolaus und seine Frau. Nikolaus aber war noch sehr jung, ein kleiner Bursche der noch nicht arbeiten und seiner Mutter helfen konnte. Bald starb Hanpeter und nun waren Malche seine Witwe und Sohn Nikolaus auf sich angewiesen, was in dieser kargen Umgebung zu großer Not führte. Da kam die tüchtige Maria Amalia, so ist wohl ihr ganzer Name, auf den Gedanken in Katharinenstadt einen Laden einzurichten und darin all das zu führen, was die Bauern brauchten. Das war ein sehr guter Gedanke, denn bislang mussten die Bauern alle Geräte und Werkzeuge aus dem entfernten Saratow oder aus Samara holen. Die Bauern nahmen diese günstige Belieferung dankbar an und als Nikolaus herangewachsen war, konnte er selbst die Waren ausliefern und tüchtig mitarbeiten. Der Laden lag ganz am Ende von Katharinenstadt, denn im Zentrum waren die Hauspreise viel zu hoch für Amalia und ihren Sohn.

Aber dann kam für beide die Wende: Eines Winterabends, als es sehr stürmte und sich keiner aus dem Haus traute, klopfte es an der Haustür. Das Haus in dem Malche und ihr Sohn Nikolaus wohnten war das letzte Haus einer Straße in Katharinenstadt. Malche nahm gleich an, dass sich jemand in der eisigen Sturmnacht verirrt haben musste, denn es gab zu jener Zeit noch nicht den Erlass bei Schneesturm nachts die Kirchenglocken zu läuten um verirrten Reisenden und ihren Kutschern eine akustische Orientierung zu ermöglichen. Und wie Amalia die Tür öffnete, und der Sturmwind dabei viel Schnee in die Stube wirbelte, traten drei hohe russische Offiziere herein und ein ganz in Lammfell gehüllter Kutscher. Dann stellten sich die Männer vor, es waren der Generalgouverneur vom Saratower Gebiet und der Kirgisensteppe, der sich mit seinem Tross im Schneesturm verirrt hatte. Dabei waren sein Adjutant und der Kommandant von Saratow. Der Generalgouverneur war Fürst Golyzin. Amalia machte sofort den Samowar an  und bald konnten sich die Herren am heißen Tee aufwärmen. Ebenso richtete sie auch ein Nachtmahl für die Reisenden her. Als der Fürst in der warmen Stube allmählich auftaute, ließ er sich von Malche ihr Schicksal erzählen und sie berichtete alles von Anfang an, über die Auswanderung die Entbehrungen und die Nöte und Mängel ihrer Landsleute. Das hörte sich der Fürst mit großem Interesse an und fragte auch nach allem was die Bauern jetzt dort anbauen würden. Dabei erfuhr er auch über die Hungersnöte, wenn die Ernten schlecht ausfielen. Da meinte er, es müsse doch Tabak gut gedeihen auf diesen Steppenböden, dann brauchte Russland diesen nicht einzuführen. Dann meinte der Fürst „liebe Frau, das mit dem Tabak habe ich nicht so dahingeplaudert, ich meine es erst.“ Dann erwähnte er, dass er alsbald als Gesandter nach Amerika beordert werden würde, dort könne er sich um Pflanzen und deren Anbaumethoden kümmern und dann wieder von sich hören lassen. Amalia, die schon viele Versprechen vernommen hatte, schenkte auch diesem keinen Glauben. Aber ein Jahr später kam eines Tages ein Kurier des Zaren mit seiner Troika vorgefahren und  brachte ein Paket, für das Malche unterschreiben musste. Neben etlichen Tabaksamen enthielt das Paket auch eine genaue Beschreibung, wie der Samen zu pflanzen und zu bearbeiten sei. Amalia gab den Samen an die zuverlässigsten Bauern, machte mit ihnen Verträge und schon nach wenigen Jahren blühte eine ertragreiche Tabakwirtschaft. Sie brachte der Wolgakolonie den Ausgleich zu den immer wiederkehrenden Missernten beim Getreide. Nikolaus, der Sohn von Hanpeter und Malche, wuchs zu einem tüchtigen Bauern und Kaufmann heran, der es zu großem Ansehen in der Kolonie brachte».

Seine beiden Söhne, Konrad und Michael erweiterten das Handelshaus, wie wir nachfolgend erfahren. Sie errichteten eine Tabakfabrik in Saratow (die noch heute unter dem Firmennamen „British American Tabaccocompanie“ betrieben wird). Michael und Konrad betrieben das Unternehmen Handelshaus Stahf zunächst unter der sehr strengen Aufsicht ihres Vaters Nikolai und brachten es zu einem ansehnlichen Wohlstand in der Kolonie.

Noch heute zeugt das Familienwappen der Stahfs mit dem Motiv „Tabakblüten“ von der einstigen Gründungsphase des Handelshauses mit dem Schwerpunkt der Tabakwirtschaft. Anzumerken ist, dass kein einziger Stahf der damaligen Generation je geraucht hat.

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Bergseite der Wolga gegenüber  von Katharinenstadt

Das Versprechen der russischen Regierung dort an der Wolga Haus und Hof, sowie Vieh und Saatgut zu erhalten, erfüllte sich nicht überall. Vorerst blieben ihnen die Religionsfreiheit sowie die Befreiung vom Wehrdienst, Steuerfreiheit und weitere Privilegien, die Katharina die Große den Einwanderern zugestanden hatte. So standen die zunächst 8000 Einwandererfamilien mit insgesamt 27000 Seelen in der unbewirtschafteten Schwarzerderegion der Wolgasteppe bei ihrer Ankunft teilweise vor dem Nichts und mussten sich, soweit sie keine Häuser vorfanden, in Erdhöhlen vor den harten Wintern schützen. Viele Kinder, Kranke und Schwache starben schon in den ersten Jahren (siehe Originalreisebericht des August Stahlbaum).

Infolge mehrerer Missernten waren die Kolonisten gezwungen, sich neben dem Getreideanbau andere Ernährungsgrundlagen und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. So wurde neben dem Ackerbau auch Wein angebaut, Seidenraupenzucht betrieben und schon seit 1768 auch Tabak gepflanzt. Die Anregung dazu bekam die Witwe des Hanpeter und ihr Sohn Nikolai wie schon oben beschrieben, die sich Tabaksamen aus Virginia kommen ließen und in kurzer Zeit einen umfangreichen Tabakanbau und Handel in Katharinenstadt und Saratow aufziehen konnten. Aber diese Geschichte ist eher einer Legende zuzuschreiben, tatsächlich aber haben die Brüder Stahf ihr Handelshaus zum großen Teil auf Tabakwirtschaft und Getreidean-und Verkauf gegründet.

Nikolai und seine Frau Anna Elisabeth Liehr bekamen zwei Söhne, Konrad, geb. 1793 und Michael, geb. 1796. Der sehr tüchtige, aber auch sehr strenge Vater Nikolai führte seine Söhne sehr früh in die Firma ein, sodass beide nachfolgend das Geschäftsleben der Kolonie maßgeblich mitgestaltet haben.

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Speicherhaus an der Wolga

Konrad entwickelte den Tabakhandel weiter und gründete später in Saratow eine Tabakfabrik wo unter anderen auch der berühmte Machorka erfunden wurde, über eine weitere in Katharinenstadt existieren keine Informationen. Die Fabrik in Saratow wurde trotz zweimaligem Brandverlust wieder aufgebaut und existiert noch heute.

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Tabakfabrik in Saratow einst...

 

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... und jetzt

 

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Gründungsurkunde der Tabakfabrik

 

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Kontoruhr der Tabakfabrik

 

Konrad (1793-1858) und seine Ehefrau  Katharina, geb. Kaiser (1800-1866) hatten sechs Söhne: Konstantin (1819 - vor 1890), Michael (1823-1846), Alexander (1827-1898), Karl (1831-1851), Konrad (1834-1876), Friedrich (1835-1853), und zwei Töchter: Emilia (1822-?) und Dorothea (1825-?).

Was aus ihnen geworden ist, erfahren wir erst in den Jahren nach der Wende, also dem Ende der bolschewistischen Herrschaft in Russland. Dank der Kontakte mit Georg Rauschenbach in Moskau können jetzt viele Wissenslücken in der Genealogie der Familie Stahf geschlossen werden.

Nach der Aufstellung von Georg hatten Konstantin, der älteste Sohn von Konrad und dessen Frau, eine geb. Johanna Müller, eine Tochter, Anna Lydia (1851-1926), die Johann Alexander Rauschenbach (1847-1901) im Jahr 1869 heiratete. So gelangte die Familie Stahf zum ersten Mal in Verzahnung mit der Familie Rauschenbach. Die zweite Verzahnung kam dreizehn Jahre später als Nikolai Stahf die Tochter von Andreas Jakob Rauschenbach heiratete (s.u.).

 

Nachkommen von Michael Stahf

Das Handelshaus vergrößerte sich so weit, dass ein großes Schiff angeschafft werden musste, um die Waren aus dem Wolgagebiet nach Nischni Nowgorod und andere Handelsorte zu transportieren. Den Antrieb des Schiffes stromaufwärts besorgten ursprünglich, also vor der Motorisierung, 30 Pferde, von jeweils 50 an Bord. Diese mussten ein Seil mit einem im Grund versenkten Anker auf eine Winde spulen, der zuvor  einige 100 m voraus jeweils durch die Besatzung eines Ruderbootes auf dem Grund der Wolga fest gemacht wurde; so ging es dann per Pferdekraft etappenweise vorwärts. Dieses Schiff brachte Tonnen an Waren, die in der Kolonie erwirtschaftet wurden in wochenlangen Fahrten zu den nördlichen Handelszentren Russlands. Michael war als Außenvertreter der Firma viel auf Reisen, während Konrad die Geschäfte in Katharinenstadt und Saratow betrieb. Also Michael und Konrad, die beiden Söhne von Nikolai und Enkel des ersten Auswanderers, waren die entscheidenden Vertreter der Stahf-Familie an der Wolga. Aus den späteren Erzählungen von Peter Stahf, dem Sohn von Michael, ging hervor, dass noch weitere Abkömmlinge aus der Ehe des Konrad mit Katharina in Saratow die familiäre Bindungen unterhielten.

 

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Michael Stahf

 

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Anna Elisabeth verw. Wilhelmi, geb. Asmus, Ehefrau von Michael Stahf

 

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Wolgahafen

Auch die Beziehung von Michael Stahf zu seiner zweiten Frau Anna Elisabeth verwitwete Wilhelmi geborene Asmus, (1821-1905) wurden von seinem Sohn Peter wie folgt beschrieben: die Besprechungen zum Kirchenneubau in Katharinstadt der wegen des Zerfalls der alten Holzkirche erforderlich wurde, fanden bei Familie Wilhelmi  in Katharinstadt statt. Dort traf er die verwitwete Anna Elisabeth, sie stammte aus der Familie Asmus, die ebenfalls ein großes Handelshaus betrieb. Nach einigem Zögern wegen ihrer Töchter und der innigen Beziehung zur Familie Wilhelmi gab sie dem Antrag Michaels statt. So kam es zur Ehe zwischen ihr und dem nicht mehr ganz jungen Michael.

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Evangelische Kirche in Katharinenstadt. Der Turm mußte in der sowjetischer Zeit abgebaut werden, da er höher war als das Lenindenkmal

 

Michael und dessen nunmehrige zweite Ehefrau Anna Elisabeth bekamen zwei Söhne, Johann Nikolaus (Nikolai), geb.19.08.1856 und Peter, geb.01.09.1861.

Etwa 1858 wurde ein Töchterchen, Lieschen, geboren, das aber kurz nach der Geburt starb, drei Töchter brachte Elisabeth aus ihrer ersten Ehe mit Wilhelmi mit,  Lieschen, Gretchen und Kätchen, also Stiefschwestern von Nikolai und Peter, den späteren Söhnen aus dieser Ehe. Das gemeinsam betriebene Handelshaus Stahf ging  nach dem Tode von Michaels Bruder Konrad zur Hälfte auf dessen ältesten Sohn Konstantin über, der in kürzester Zeit das Vermögen nebst Krediten durch leichtfertige Spekulationen aufs Spiel setzte. Das bewog Michael sich von der  gemeinsam geführten Firma zu trennen. Mit einer Abfindung in Höhe von 20000 Rubel, einem relativ bescheidenen Betrag, der aber dem gediegenen Handelskaufmann Michael genügte, um nach zwei Jahren wieder das Handelshaus in Katharinenstadt zu stabilisieren und sich eine neue Existenz aufzubauen.

Gretchen Wilhelmi heiratete 1858 den ältesten Sohn des Daniel Gerhard, Karl. Kätchen verheiratete sich später mit dessen Bruder, dem Kaufmann Alexander Gerhard. Auch die Familie Gerhard betrieb einen Großhandel in Straub an der Wolga.

1862 heiratete Lieschen den jungen Kaufmann Karl Schmidt, den ältesten Sohn von Adam Schmidt aus Katharinenstadt. Adam war Arbeiteraufseher auf einem russischen Gut und recht grausam zu seinen Untergebenen. Einmal wurde ein Leibeigener wegen einer  kleinen Verfehlung vom Gutsherren zu 50 Rutenhieben verurteilt, die Adam auszuführen hatte, worauf der Grundbesitzer anschließend noch Salz in die blutenden Wunden streute. Diese rohen Gebräuche standen im Gegensatz zum liebevollen Wesen seiner Gattin, die sich darüber zutiefst grämte.

Adam Schmidt hatte zwei Söhne, der ältere Karl wurde Kaufmann, der jüngere Gottlieb wurde Schlosser und später Maschinist auf einem Wolgadampfer. Karl war ein intelligenter und im Gegensatz zu seinem Vater ein jovialer, viel geachteter Kaufmann. Einer Legende zufolge traf er bei einer der zahlreichen Familienfeiern auf Lieschen, die sich unmittelbar in ihn verliebte, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte, sie heirateten. Da es zu den Gebräuchen an der Wolga gehörte, das die Schwiegertochter im Haus der Schwiegereltern zu verbleiben hatte und dort auch nach Weisungen der Schwiegereltern Arbeit zu verrichten hatte, traf es Lieschen besonders hart.

Am 06.04.1864 starb Michael Stahf offenbar an den Folgen eines Schlaganfalls. Rechtzeitige Hilfe konnte wegen des Eisgangs auf der Wolga nicht geholt werden, da ein Arzt dafür von der anderen Seite, der Bergseite hätte geholt werden müssen. Für die Kinder wurden Vormünder bestellt, die die geschäftlichen Angelegenheiten des wieder erblühten Handelshauses regeln sollten. Es waren der Familie nahestehende Onkel Asmus und der Vetter Diesendorf. Das ererbte Vermögen ermöglichte der verbliebenen Familie ein auskömmliches Leben und den Kindern eine gute Ausbildung. Nikolai, der erste Sohn Michaels (geb. 19.08.1856), kam zu den Herrenhutern nach Sarepta, wo er eine gute Schulausbildung erfuhr. Peter, der zweite Sohn (geb. 01.09.1871) studierte später in Dorpat (heute Tartu in Estland) Theologie. Allerdings musste seine Ausbildung aus dem Kapitalertrag der Stahfschen Firma finanziert werden, was dem älteren Bruder Nikolai oblag, der als Erbe zunächst die Firma übernommen hatte, dabei aber keine glückliche Hand bewies und sich verspekulierte. Nur mühsam kam später dann das Geld für das Studium im estnischen Dorpat, heute Tartu, für Peter wieder zusammen.

Nikolai und Michael Stahf kamen in den zwanziger Jahren nach Deutschland.

Nikolai (geb. 19.08.1856 in Katharinenstadt, gest. 24.12.1934 in Berlin) heiratete Maria Florentine Rauschenbach, die Tochter von Andreas Jakob Rauschenbach. Andreas Jakob Rauschenbach (1836-1913) war verheiratet mit Beate Feidel. Aus dieser Ehe gingen eine Tochter und zwei Söhne hervor:

1) Maria Florentina (Flora, die Frau von Nikolai Stahf, 20.12.1861-04.11.1947 in Berlin).

2) Heinrich Friederich (1865-192?) und

3) Viktor David (1870-1930) blieben in Russland. Durch Georgs Recherchen erfuhren wir, dass Viktor der Vater des weltberühmten Mathematikers Boris Rauschenbach (1915-2001) war, der die mathematischen Grundlagen für die russische Weltraumfahrt entwickelt hat.

Nikolai und Flora bekamen sechs Kinder:

Laura Stahf (27.11.1882-05.04.1922).

Alexander Stahf, „Sascha“ (28.02.1884-19.04.1961, Berlin). Alexander war Studienrat und an einem Berliner Gymnasium tätig. Er war zweimal verheiratet, zuerst mit Leontine Schneider (Daten unbekannt, in den dreißiger Jahren verstorben) und später mit Ida Schäfer, geb.14.02.1888. Auch sie war Studienrätin und am Berliner Westend Gymnasium tätig. Sie starb in den Neunzehnhundertfünfziger Jahren vermutlich 1956. Beide Eheleute arbeiteten als Gymnasiallehrer in Berlin. Die Ehe blieb kinderlos.

Margot Stahf (04.11.1884-24.04.1934) war verheiratet mit Oskar Grün, geb. 04.11.1874. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Sylvester Grün, geb. 31.12.1912 und Nils Grün, geb. 06.08.1915. Über den Verbleib dieser Nachkommen konnte ich bisher keine Information erhalten. Ebenso nicht über den Sohn Benno Stahf, geb.1887 und Ellen Stahf, geb.1891.

Dagegen hat die Tochter Stella Stahf (22.02.1889-27.06.1958) ebenso wie ihr Bruder Sascha sehr enge Beziehungen zur Familie von Edgar Stahf (s.u.) in Berlin unterhalten. Stella war verheiratet mit Johannes Busik (27.07.1880-01.10.1919). Die Kinder aus dieser Ehe sind auch ein Johannes Busik, Architekt (26.06.1912- ca. 2012). Johannes war verheiratet mit Marianne Heister (1926-2014). Ihre Kinder sind Andreas Busik, geb. 1954, Peter Busik, geb. 1956 und Hans Busik; zu diesen Söhnen haben wir leider keine Verbindung mehr bekommen.

Peter Stahf (geb. 01.09.1861 in Katharinenstadt, gest. 28. 06. 1933 in Falkensee bei Berlin) heiratete 1890 Julie Alma Arndt (geb. 06.01.1872 in Dorpat/Tartu, gest. 23.02.1946 in Rittermannshagen (Mecklenburg)). Sie war eine der drei Töchter des Lederfabrikanten Arndt in Dorpat, in dessen Haus Johannes Peter während seines Theologiestudiums verkehrte.

Peter wurde 1890 Pastor der ev. Gemeinde in Grimm (Bergseite). Aus dieser Zeit sind noch viele Aufzeichnungen und reichhaltige Erinnerungen aus dem Leben an der Wolga erhalten. Sie sind in vier Aktenordnern im Besitz der Familie Jürgen Stahf und werden dort verwahrt.

Aus der Ehe Peter und Alma sind die Kinder Edgar, Roland, Helmut und Irene hervorgegangen.

Edgar Stahf (08.08.1891-18.12.1964) verbrachte wie auch sein Bruder Roland seine Kindheit in Grimm an der Wolga. Beide verbrachten ihre Gymnasialzeit in Dorpat bei einer bekannten Familie. Nach der Flucht vor der herannahenden Revolution 1917 nach Deutschland bekam Peter eine Pfarrstelle in Fürstensee (Pommern) zugewiesen. Edgar ging von da aus nach Berlin und studierte an der Hochschule für Leibesübungen unter Karl Diem Turn- und Sportwissenschaften, wo er auch seine spätere Ehefrau Erna Benzinger kennenlernte, ebenfalls Turn- und Sportstudentin.

 

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Pfarrhaus in Grimm an der Wolga–Bergseite

 

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Markt in Grimm um 1900

 

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Kirche in Grimm an der Wolga–Bergseite – in der Sowjetzeit abgerissen

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Pastor Johannes Peter Stahf

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 Hier stand die Kirche in Grimm

 

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Ruine der  aus Stein erbauten Kirche in Messer

 

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Schulhaus und Häuser in Grimm

 

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Grimm im Jahre 2001

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Im Jahr 1910 siedelte die Familie von der Wolga um ins Baltikum nach Riga.

 

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Familie Stahf in Riga ca. 1912: Edgar, Roland, Helmut und Irene

 

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Edgar Stahf

 

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Erna Stahf

 

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Roland Stahff

 

Roland Stahff (08.09.1892-26.12.1959) studierte Theologie und wurde Pastor der bekennenden Kirche in Mecklenburg. Er heiratete in erster Ehe Mary Hotschkinson, Tochter des englischen Konsuls in Hamburg. Sie verstarb während seiner Haftzeit in sowjetischen Zuchthäusern und Speziallagern. Roland wurde zusammen mit seinem Bruder Edgar im Mai 1946 im Pfarrhaus in Rittermannshagen von der NKWD abgeholt. Vier Jahre blieben beide Brüder verschollen. Erst Mitte 1954 wurden sie, zuvor durch Geheimgerichte zu langen Zuchthausstrafen verurteilt, vorzeitig entlassen. Beide waren nach ihrer Entlassung todkrank.

Helmut Stahf, der jüngste Bruder war verheiratet mit Margarete Schieblich und nach deren Tod mit Annemarie Blank, nach dem Krieg arbeitete als Dolmetscher in Wernigerode/Harz.

 

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Helmut Stahff und Frau Anni

 

Roland heiratete nach seiner Entlassung aus der Sowjet-, später DDR-Haft, die im Pfarrhaus verbliebene Haustochter Anna Alida gen. Lily von Bülow mit der er von Rittermannshagen in Mecklenburg nach Oiste Lkr. Verden in Niedersachsen übersiedelte und dort noch bis zu seinem Tod eine kleine Gemeinde betreute.

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Lily Stahff an ihrem 90. Geburtstag

 

Irene Stahf heiratete Hans Köppen, geb.10.01.1903. Aus dieser Ehe stammen 5 Kinder, Hans Peter, Barbara, Renate, Monika, Hans Reiner. Die Kontakte zu diesen Nachkommen der Stahfs bzw. Köppens ließen sich leider nicht aufrecht erhalten.

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Irene Köppen und die Stahf Kinder ca. 1936. V.l.n.r. Jürgen St. Hans-Peter Köppen mit Monika Köppen, Barbara Köppen davor Renate Köppen, Helga St., Uwe St.

 

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Zurück auf die vorerst letzte Generation der Kinder von Peter und Alma Stahf. Edgar und seine Ehefrau hatten einen Sohn Jürgen. Dieser war Kameramann und Journalist und arbeitete beim Fernsehen.

Roland blieb in beiden Ehen kinderlos.

Helmut hatte mit Margarete zwei Kinder: Helga und Uwe.

 

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Uwe und Helga Stahff

Uwe war Autobahngeologe und lebte mit seiner Frau Gertrud Lange in Deggendorf. Dieses Ehepaar hatte zwei Töchter und einen Sohn. Tochter Barbara lebt in Bayern. Der Sohn Christian (gest. 10.11.1982) war verheiratet mit Brigitte Pillmayer. Aus dieser Ehe ging die Tochter Nicole hervor. Christian war beamtet beim Bundesgrenzschutz. Er kam durch einen Autounfall ums Leben.

Uwes Tochter Susanne war verpaart mit Alexander Bauer. Aus dieser Verbindung entstammt der Sohn Simon Stahff. Simon hat den Namen Stahff behalten. Dieser Zweig der Familie lebt in Niederbayern.

 

Uwe Stahff

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Helga Stahff. Die Brüder von Edgar, Helmut und Roland haben das Zweite F am Namen behalten was durch die Eindeutschung nach der Übersiedlung in den zwanziger Jahren offenbar versehentlich in den Personalpapieren so vermerkt wurde. Helga, die Tochter von Helmut und Margarete war verheiratet mit Werner Krause, (10.05.1925- 28.07.09). Werner Krause war Rundfunksprecher. Dieses Ehepaar lebte in Berlin und bekam zwei Töchter, Renate und Gisela. Renate Krause lebt als Immobilienmaklerin in Brisbane Australien, Gisela Krause ist Oberschwester und lebt in Berlin.

 

Jürgen Stahf

Der Sohn von Edgar und Erna Stahf, Jürgen, war in erster Ehe verheiratet mit Gisela Henning. Dieser Ehe entstammen zwei Kinder, Dirk,  und Birgid.

 

Dirk Stahf absolvierte ein Maschinenbaustudium in Berlin und hat sich auf Solarenergie spezialisiert. Er war verheiratet mit Uta Hoffmann. Sie bekamen zwei Söhne, Johannes Luca, geb.  und Leon Niclas.

Birgid Stahf studierte Pharmazie und arbeitet als Apothekerin in Berlin. Sie war verheiratet  mit Andreas Zeh und hat zwei Söhne, Dominik Zeh und Oliver Zeh.

 

Aus der zweiten Ehe von Jürgen Stahf mit Vera Anne Nurk ging der Sohn Torsten hervor. Er studiert Molekularbiologie in Salzburg

 

 

Die vorstehende Genealogie der Familie Stahf ist Stand 2016. Fehlende Daten werden so weit möglich nachträglich eingefügt. Der Autor hofft, dass diese Genealogie von seinen Nachkommen weitergeführt wird.

 

 

 

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Nachzutragen ist eine Reise an die ehem. Wolgakolonie, die ich im Jahre 2001 angetreten habe. Ich war dort in Grimm, heute Kamenski, dem Ort wo mein Großvater als Pastor gewirkt hat, In Katharinenstadt bzw. Katharinstadt, in Boregard und natürlich in Saratow und im heutigen Engels auf der sog. Wiesenseite der Wolga. Ich habe nur noch sehr wenig Berührungen zu Deutschen bzw. deren Nachkommen wahrnehmen können. Zwar sind die Dörfer und Orte durch ihre Bauten noch sehr deutch geprägt, aber das kulturelle und sprachliche Gefüge dort ist heute rein russisch ausgerichtet. Allerdings muß ich erwähnen, dass im Saratower Museum die deutsche Siedlungsgeschichte sehr gut dokumentiert ist, auch der Ukas Stalins zur Zwangsumsiedlung nach Sibirien oder Kasachstan

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Saratow heute

 

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Brücke nach Engels

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Geschäftshaus aus dem 19. Jahrhundert in Saratow

 

Ebenso gibt es Archive in Engels, dem damaligen Prokowsk, die das gesamte Schrifttum und die Familiengeschichten der Wolgadeutschen verwalten. Auch der Professor Plewe, Abkömmling Wolgadeutscher Siedler der sehr gründliche Studien über die Auswanderung und die Siedlungsgeschichte veröffentlicht hat, spricht kein Wort deutsch. Es gibt bei Saratow auch noch ein Jointventure Betrieb der Firma „Bosch“, das Zündkerzen produziert und einige Wolgadeutsche Abkömmlinge beschäftigt, die aber auch kein deutsches Wort mehr kennen. Von der Kirche ist in Grimm kein Stein mehr erhalten, nur in Messer etwa 30 KM von Grimm entfernt, auf der Bergseite, ist noch die Ruine der Kirche erhalten, sie wurde seinerzeit aus Stein gebaut und auch in ihr hat Peter, mein Großvater Predigten gehalten. In Katharinenstadt existieren dagegen sowohl eine etwas abgespeckte evangelische und eine neu erbaute katholische Kirche und ebenfalls ein Museum,dass in exzellenter Weise die deutschen Siedlungsgeschichte aufgearbeitet hat. Vom Denkmal, das die Deutschen der Kaiserin Katharina gewidmet hatten, steht nur noch der Sockel. Nach den neuesten Informationen ist das Denkmal inzwischen wieder aufgebaut.

Die ehem .deutschen Friedhöfe sind verkommen, man konnte nur noch wenige Namen auf den moosüberwachsenen Grabsteinen entziffern. Vielen der heute dort lebenden Russen ist die deutsche Vergangenheit dieses Siedlungsgebietes nicht bewusst, bzw. sie wollen sie nicht wahrhaben. Die wenigen verbliebenen Deutschen dort durften in der Sowjetzeit ihre Muttersprache nicht mehr sprechen. Das erklärt die oft spärlichen Deutschkenntnisse der Spätaussiedler, vor allem der Jüngeren, die nach Deutschland zurückgekommen sind.

 

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass sich im häuslichen Archiv der Familie Stahf noch diverse Erzählungen und Aufzeichnungen aus der Kolonistenzeit, insbesondere die sehr weitschweifigen Aufzeichnungen des Pastor Stahf in 4 gebundenen Aktenordnern, eine erste Zusammenstellung in einem an alle Familienmitglieder geschickten Familienalmanach, diverse Bilder und Kopien von Originaldokumenten befinden und einen guten Überblick über die Geschichte der Familie Stahf erlauben.

Die vorliegende Arbeit beinhaltet ausschließlich die Geschichte der Auswanderung. Die vorlaufende Historie der Familie kann nur durch die in den Kirchenbüchern noch aufzufindenden

 

Abschließend sei festgestellt, dass das Verhältnis der Deutschen in Russland zu den Russen immer ambivalent war. Die den Deutschen früherer Epochen anhaftende Tugendhaftigkeit und zumeist redliche Lebensweise unterschied sich von der etwas fremdartig empfundenen Moral der einfachen russischen Bevölkerung. So blieben die deutschen Einwanderer lange unter sich und sozialisierten sich kaum mit ihrem ethnischen Umfeld. Erst in der Sowjetzeit wurde diese “Diaspora“ aufgebrochen, was zu einer unglaublichen Verwerfung der deutschen Volksgruppe führte. Heute wird die russische Volksseele anders bewertet .Die Russen sind mental wesentlich tiefgründiger, was zu einer größeren Ausdehnung ihrer Gefühlswelt führt. Weiter denkende Menschen ziehen daraus den Schluss, dass eine deutsch-russische Verständigung wenn sie politisch oder auch privat gewollt ist, zu einer sehr fruchtbaren und freundschaftlichen Gemeinsamkeit führen kann.

07.03.2017

 

[1] Andreas Idt, Georg Rauschenbach: Auswanderung deutscher Kolonisten nach Russland im Jahre 1766. Moskau, St. Petersburg: Nestor-Historia, 2015.

[2] Alfred Eisfeld, Sabine Eichwald, Igor Pleve: Einwanderung in das Wolgagebiet 1764–1767, Band 2: Galka-Kutter. Göttingen: Nordost-Institut, 2001.